Gustav Gurschner, “Mohnleuchter”, ca. 1898
markiert mit “Gurschner” und “G 111”
Lit.: Vereinigung Bildender Künstler Österreichs Secession (Hg.) Ver sacrum. Mittheilungen der Vereinigung Bildender Künstler Österreichs, 1. Jg. Sonderheft, o. S.
Der Mohnleuchter zeigt eine geschmeidige, androgyne Figur am Fuß des Kerzenhalters, sanft um die Basis geschlungen. Eine Mohnblume ruht in ihrer Hand. Die botanische Symbolik der Mohnblume vertieft die emotionale und künstlerische Resonanz des Objekts: Die mit Schlaf, Träumen, Vergessenheit und Tod assoziierte Mohnblume ist eine Pflanze voller Geheimnisse und Metaphern.
Ihre Blüte steht für Vergänglichkeit und Schönheit zugleich, während ihre seit der Antike bekannten narkotischen Eigenschaften sie mit Schmerzlinderung und visionären Zuständen verbinden. Mit ihrer flüchtigen Flamme hebt die Kerze das Thema der Vergänglichkeit hervor und verwandelt das Objekt in eine poetische Betrachtung der feinen Trennlinie zwischen Licht und Schatten, Wachzustand und Schlaf sowie Leben und Tod.
Die fließenden Linien der Natur, die sich sowohl in der Figur als auch im Blumenmotiv widerspiegeln, liegen einer geometrischen Ordnung zugrunde und offenbaren Gurschners Fähigkeit, das Ausdruckspotenzial mit der intellektuellen Strenge des modernen Designs in Einklang zu bringen. Durch Objekte wie dieses trug er dazu bei, eine sezessionistische Ästhetik zu definieren, in der Schönheit und Gebrauch untrennbar miteinander verbunden waren – und prägte damit das kreative Umfeld, das Moser, Olbrich, Hoffmann und andere gemeinsam zur Reife brachten. In diesem Werk dient die Mohnblume nicht nur der Dekoration: Sie spricht, sie träumt und sie erinnert sich.
Der im Kunstgewerberaum der Zweiten Secessionsausstellung ausgestellte Mohnleuchter verkörpert die aufkommende Rolle des Künstler-Handwerkers im Wien der Jahrhundertwende – einer Person, die skulpturale Erfindungsgabe mit praktischer Funktion verbinden konnte.
Der aus patinierter Bronze gegossene Kerzenleuchter übersetzt botanische Formen in eine skulpturale Geste, die zugleich funktional, poetisch und formal diszipliniert ist. Er ist mit „Gurschner“ / „G 111“ gekennzeichnet. Gurschner, der sowohl eine Ausbildung in Bildhauerei als auch in angewandter Kunst absolvierte, spielte eine zentrale Rolle in den Bemühungen der Secession, dekorative Objekte in den Status hoher Kunst zu erheben.
Seine Arbeit zeigt, wie organische Motive zu strukturellen Prinzipien abstrahiert werden können, ein Konzept, das um 1900 in ganz Wien Einfluss auf Möbel, Metallarbeiten und architektonische Ornamente hatte.
Der gebürtige Tiroler Gustav Gurschner (Mühlendorf am Inn, Deutschland 1873 – 1971 Wien) war einer der bekanntesten österreichischen Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Er war Gründungsmitglied der Wiener Secession und langjähriger Präsident des Künstlerverbandes österreichischer Bildhauer. Da er mehrere Jahre in Paris lebte, kann man in seinem charakteristischen, naturbezogenen Stil einen deutlichen französischen Einfluss erkennen. Durch sein außerordentliches Talent und seine umfassende künstlerische Bildung schuf er eine Vielzahl an Denkmälern und Portraits, unter anderem den Königsobelisken in Veszprém, 1908, das Kaiserdenkmal von Hohenelbe vor 1916 oder ein Bildnis Königs Eduard VII. von England.
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